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Siedlung für Alt und Jung


Im Walliser Ort Susten in der Gemeinde Leuk-Susten hat die Brückenmatte AG 2014 die Mehrgenerationen-Überbauung Brückenmatte fertiggestellt. Sie bietet 55 Alters- und Familienwohnungen als Eigentum oder in Miete. Integriert ist auch das Sozialmedizinische Zentrum Oberwallis (SMZO) und eine öffentliche Cafeteria. Dieter Müller, Verwaltungsratsmitglied der Brückenmatte AG und Standortleiter Leuk des SMZO über die Entstehungsgeschichte, Stolpersteine und künftige Ziele.


Interview: Jolanda Lucchini / 2015

Dieter Müller, Leiter SMZO Standort Leuk

Dieter Müller, wie kam es zu der Siedlung Brückenmatte?
Die Burgerschaft Leuk, die das heute nicht mehr in Betrieb stehende Altersheim Spittel in Leuk führte, erhielt Mitte des vorangegangenen Jahrhunderts von einer Pensionärin des «Spittel» ein grosszügiges Geschenk: 5300 Quadratmeter Land an bester Lage. Obwohl mit der Schenkung damals keine diesbezüglichen Auflagen verbunden waren, war es für den Burgerrat klar, dass darauf ein Projekt mit sozialem Zweck realisiert werden sollte.

Warum die Schenkung an die Burgerschaft?
Im Wallis spielen die Burgerschaften seit dem 16. Jahrhundert eine wichtige Rolle als öffentlich-rechtliche, unabhängige Körperschaften, welche Aufgaben im öffentlichen Interesse erfüllen. Unter anderem im Sozialbereich. In dieser Tradition kümmerte sich die Burgerschaft Leuk auch seit jeher um die älteren Bürgerinnen und Bürger. Die Burgerschaft Leuk hat in diesem Sinne über viele Jahrzehnte im Altersheim Spittel älteren, pflegebedürftigen Bewohnern einen kostengünstigen und würdigen Lebensabend ermöglicht. Die Schenkung erfolgte denn auch aus Dankbarkeit über die gute Betreuung, welche die Schenkende damals als Bewohnerin im «Spittel» erfahren durfte.

Es dauerte allerdings lange, bis die Parzelle ihrem vorgesehenen Zweck zugeführt wurde. Weshalb?
Das Land wurde zunächst über Jahrzehnte landwirtschaftlich genutzt. Mitte der 1990er-Jahre wurde das von Ursulinen-Nonnen geführte «Spittel» geschlossen, weil die selbst älter gewordenen Ordensschwestern die Betreuung nicht mehr übernehmen konnten. In der Folge baten einige Burger die Burgerschaft darum, neue und zeitgemässe Wohnmöglichkeiten für ältere Menschen zu konzipieren. Das Anliegen wurde aufgenommen und ab 2009 in Arbeitsgruppen lebendig diskutiert.

Wer hatte die Grundidee für das Projekt «Brückenmatte»?
Von Burgerinnen und Burgern wurden immer wieder Ideen für soziale Projekte vorgebracht. Es war schliesslich der Burgerrat, der sich aufgrund diverser Machbarkeitsabklärungen für die Grundidee eines Mehrgenerationenprojekts entschieden hat. Auf dieser Basis wurde das Projekt «Brückenmatte» als Siedlung mit Generationen-Mix erarbeitet. Damit sollte auch ein Anreiz geschaffen werden, dass junge Leute in Leuk bleiben. Alt und Jung finden heute in der «Brückenmatte» bezahlbare Miet- und Kaufwohnungen. Der Mix kommt auch den älteren Bewohnern zugute, da sie nicht isoliert unter sich bleiben.

Fand die Idee des Burgerrats auf Anhieb Anklang?
Es gab zu Beginn verschiedene Strömungen: Einige wollten die grosse Parzelle aufteilen und jungen Familien als Bauland verfügbar machen. Andere favorisierten eine Siedlung ausschliesslich mit Alterswohnungen. Die Mehrheit der Burger liess sich nach mehreren anregenden Diskussionen vom Mehrgenerationenprojekt überzeugen, das die Idee des Zusammenlebens von Jung und Alt anstrebt.

Zwischen der Idee im Jahre 2010 bis zum Einzug der ersten Bewohner lag dann ein vierjähriger Realisierungsprozess. Welche Stolpersteine gab es in dieser Zeit zu bewältigen?
2011 wurde auf Basis einer separaten Baubewilligung der Aushub vorgezogen. Das Aushubmaterial konnte für Terrainverbesserungen an einem anderen Ort benutzt werden und deshalb waren die Aushubkosten verhältnismässig günstig. Leider ist dann im Winter 2011/12 die Baugrube wegen ausserordentlichen Niederschlägen zum Teil eingestürzt. Das hatte diverse Aufräumkosten verursacht und den Start des Bauprojekts selbst etwas verzögert. Zudem musste im Rahmen der Offertphase darauf geachtet werden, dass die gesetzten Kostenziele eingehalten werden konnten. Dazu waren einige harte Verhandlungsrunden nötig.

Wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben?
Selbstverständlich. Als Gewinner ging das Architektenduo Glenz/Bilden hervor. Es legte damals ein in vielen Punkten überzeugendes Mehrgenerationen-Projekt vor.

Was überzeugte nicht?
Das Projekt sah verhältnismässig kleine Fenster vor. Die Wohnräume wären auf diese Art wenig mit dem Draussen verbunden gewesen. Das war zwar ein interessanter Ansatz, um die Bewohner zu animieren, vermehrt die Wohnung zu verlassen und damit soziale Kontakte ausserhalb der Wohnungen zu pflegen. Die Gebäudegestaltung hätte jedoch einen weltanschaulichen Touch gehabt und vielleicht eine Gesinnungsmieterschaft angezogen. Wir haben Vergleichsprojekte angeschaut und realisiert, dass wir lieber «ganz normale» Menschen haben wollten. Und wenn wir schon im schönen Wallis sind, warum sollten wir den Bewohnern den Ausblick nicht mit grosszügigen Fensterfronten freigeben?

Was verstehen Sie unter «ganz normalen» Menschen?
In Fall der «Brückenmatte» sind das einerseits ältere Menschen, die wegen den seniorengerechten Wohnungen oder einer leichten Pflegebedürftigkeit hierherziehen. Andererseits sind es Familien und Singles, die den günstigen Wohnraum in Zentrumsnähe sowie den modernen, zeitgemässen Bau schätzen. So kann auf natürliche Art eine Durchmischung und dann auch Solidarität entstehen – und nicht, weil eine Architektur oder Philosophie dies forciert. In Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro E. & K. de Sepibus, das mit der Realisierung beauftragt wurde, ist das lichtdurchflutete Fassadenkonzept entstanden.

Wie teuer war der Bau? Und wie gross ist die Ersparnis dank der Schenkung?
Das Bauprojekt kostete rund 18,5 Millionen. Für Umgebungsarbeiten und projektspezifische Anschaffungen wurde rund eine halbe Million investiert. Ohne die Schenkung der Parzelle wäre die Erstellung der Siedlung rund 5 Prozent teurer geworden.

War es schwierig, die Finanzierung für das Projekt «Brückenmatte» zu sichern?
Für die Finanzierung war wichtig, vor Baubeginn die Pensionskasse Gesundheit Wallis (PRESV) als Projektpartnerin zu gewinnen. Dank des Kaufs eines Gebäudes mit 17 Wohnungen durch die PRESV konnte die Brückenmatte AG die Restkosten des Projekts solide finanzieren.

Die Mieten liegen mit monatlich ab 950 Franken für eine 2,5-Zimmerwohnung am unteren Ende der Marktpreise. Wie geht die Rechnung auf?
Einerseits sollen die Einsparungen dank der Landschenkung den Bewohnern zugute kommen. Andererseits will die Burgerschaft Leuk – die Muttergesellschaft der Brückenmatte AG – keine Spekulationsgewinne erzielen. Wichtig ist, dass die Brückenmatte AG nachhaltig gesund finanziert ist und aus den Verkaufs- und Mieterträgen die Betriebskosten und zukünftigen Ersatzinvestitionen autonom bezahlen kann.

War es schwierig Bewohner zu finden?
Ja und nein. Einerseits interessierten sich bereits Ende 2013 viele junge Leute von sich aus. Das hätten wir nicht erwartet. Anfangs 2014 konnten wir mit Besichtigungen starten. Damals war aber vieles noch eine Baustelle. Trotzdem konnten diverse Wohnungen vor allem an jüngere Bewohner vermietet werden. Zum Interesse hat bestimmt auch beigetragen, dass wir hier mit dem Bahnhof Leuk-Susten für Arbeitstätige eine gute Verkehrsanbindung nach Visp und Bern sowie Sierre und Sion haben.

Und ältere Wohnungsinteressenten?
Für sie wirkte die Baustelle sicher noch abschreckend. Das ist verständlich: Es war bisher schwierig, sich vorzustellen, wie die eigene Wohnung und die Gemeinschaftsräume letztlich aussehen würden, wenn noch nichts eingerichtet ist. Zudem haben ältere Menschen auch durch ihre Lebenserfahrung klare Vorstellungen, was sie wollen. Schliesslich war sicher erschwerend, dass die Umgebungsarbeiten erst gegen Ende 2014 weitgehend abgeschlossen werden konnten. Der Zugang zu den Wohnungen war bisher erschwert. Deshalb haben wir mit der Anwerbung von Senioren noch zugewartet.

Welche Massnahmen zur Mieterwerbung ergriffen Sie?
Wir publizierten Inserate für die Miet- und Kaufwohnungen in Zeitungen und Internet und veröffentlichten Bannerwerbung auf regionalen Online-Plattformen. Zudem wurde für die Besichtigung eine Musterwohnung eingerichtet. Das erwies sich als hilfreich.

Übernahm die Brückenmatte AG die Vermietung selber?
Nein, mit der Vermietung und der Verwaltung ist eine professionelle Immobilienverwaltungsfirma beauftragt.

Wieviele Wohnungen sind zum heutigen Zeitpunkt verkauft bzw. vermietet?
Von den insgesamt 55 Wohnungen sind wie erwähnt 17 Wohnungen an die Pensionskasse Gesundheit Wallis verkauft worden. Diese vermietet ihre Wohnungen gemeinsam mit der Brückenmatte AG. Zudem wurden bisher 5 Wohnungen an Private verkauft. Maximal 9 weitere Wohnungen stehen derzeit noch zum Verkauf. Von den verbleibenden 24 Mietwohnungen sind heute etwa ein Drittel vermietet.

Welche Wohnungen waren bisher am begehrtesten?
Bei den Verkaufswohnungen gab es vor allem für die Attika-Wohnungen grosses Interesse. Diese waren früh verkauft. Interessanterweise lassen sich die Wohnungen im Parterre gut vermieten, denn sie haben einen Vorplatz. Es scheint offenbar das Bedürfnis zu geben, über einen eigenen Aussenraum zu verfügen.

Auch das Sozialmedizinische Zentrum Oberwallis (SMZO) ist in die «Brückenmatte» eingezogen. Warum dieser Standort?

Er ist ideal. Es war uns wichtig, sowohl unsere Spitex als auch die Pro Senectute im Hause haben. Durch die räumliche Integration kann sichergestellt werden, dass die Grundidee des Mehrgenerationenwohnens mit den gemeinschaftsbildenden Dienstleistungen nachhaltig umgesetzt werden kann.

Wie die Dienstleistungen des SMZOs steht auch die Cafeteria der «Brückenmatte» allen Bewohnern von Susten-Leuk offen. Wie lässt sich forcieren, dass diese das Angebot nutzen und so die Siedlung verstärkt in die Gemeinde integriert wird?
Der beste Weg zur Überzeugung ist, die Bevölkerung einzuladen, die «Brückenmatte» zu besuchen und sich ein eigenes Bild zu machen. Das aber wollen wir erst machen, wenn wirklich alle Bauarbeiten und Bepflanzungen in der Umgebung beendet sind. Im Frühjahr 2015 ist deshalb geplant, einen Tag der offenen Tür zu organisieren.

Das Konzept der «Brückenmatte» beinhaltet auch eine soziale Abwartschaft. Was ist darunter zu verstehen?
Wir haben für die Abwartschaft eine Persönlichkeit gesucht, die nebst technischem Know-how auch grosse Freude am Umgang mit Menschen hat. Also ein Praktiker, der ein Gespür dafür hat oder entwickelt, ob zum Beispiel Senioren unter den Bewohnern auch SMZO-Leistungen benötigen. Wir planen dafür das Angebot von präventiven Hausbesuchen zwecks Bedürfnisabklärung.
Das tönt nach forciertem Verkauf von Dienstleistungen?
Nein, die Hausbesuche und weiteren sozialen Dienstleistungen werden nur ausgeführt, wenn die Senioren dies auch wünschen.

Welche sozialen bzw. gemeinschaftsbildenden Dienstleistungen sind geplant?
Die umfassen ein Info-Desk, die Koordination der Nachbarschaftshilfe, soziokulturelle Animation bis hin zur Koordination mit externen Leistungsträgern im Bereich Mahlzeitendienst oder Wäsche-Service.

Und wie ist der Hauswart mit seiner Schnittstellenfunktion eingebunden?
Wichtig ist, dass er bei uns angestellt ist und auch an Sitzungen teilnimmt, wenn ein Traktandum seine Funktion betrifft. Er ist die Person, die das Geschehen im Alltag verfolgt und auch darauf reagiert. Wir sind überzeugt, eine sehr gut geeignete Person für die Abwartfunktion gefunden zu haben. Dass er unter anderem eine Ausbildung als Rettungssanitäter hat, ist für uns ein wertvolles Plus.