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Geschichte Brückenmatte

Siedlung Brückenmatte - am Eingang zum Pfynwald

Von Wilfried Meichtry


Seit Menschengedenken war das Gründstück, auf dem die Mehrgenerationensiedlung «Brückenmatte» steht, eine Wiese, die als Weidefläche für Kühe, Schafe und anderes Kleinvieh genutzt wurde. Häuser wurden hier bislang keine gebaut. Eine Ausnahme stellt der kleine Pavillon dar, der 1970 auf dem Grundstück vom heutigen Haus A aufgestellt wurde und dreissig Jahre als Kindergarten von Susten diente.

Der folgende geschichtliche Abriss erzählt nicht von den mächtigen Leuker Familien oder der kirchlichen Macht, die das Leben in der Region Leuk-Susten über Jahrhunderte geprägt haben, sondern will in groben Zügen darlegen, was der kleine Flecken Erde, auf dem heute die Siedlung «Brückenmatte» steht, so alles erzählen könnte, wenn er denn eine Stimme hätte.

Im Banne gewaltiger Naturkräfte


Vor 100'000 Jahren befand sich die Landparzelle, auf der heute die Mehrgenerationensiedlung «Brückenmatte» steht, unter rund 1500 Meter dickem Gletschereis. In dieser Zeit hat der Rhonegletscher, der damals bis zum Genfersee und bis weit in die Deutschschweiz reichte, intensiv an der Topografie und Oberflächenstruktur des Wallis modelliert und geschliffen. Als sich der Gletscher vor circa 15'000 Jahren langsam zurückzog, rückten Vegetation, Tierwelt und auch der Mensch – die ältesten heute bekannten Spuren eiszeitlicher Neandertaler im Wallis sind rund 30'000 Jahre alt – langsam gegen den Talgrund vor.

Die heutige Pfynwaldregion erlebte zu dieser Zeit eine topografisch einschneidende Veränderung, die bis heute über dem Dorf Salgesch sichtbar ist: Mit dem Rückzug des Rhonegletschers, der die beiden Talflanken des Wallis über Jahrtausende stabilisiert hatte, geriet der ganze nördliche Berghang in Bewegung und stürzte auf den immer noch vergletscherten Talgrund, wo die gigantischen Gesteinsmassen aus Kalk und Schiefer vom schmelzenden Eis auf dem Talgrund in die Region des Pfynwalds und in Richtung Unterwallis verfrachtet wurden. Als sich der Rhonegletscher um 13'000 vor Christus endgültig aus der Pfynwaldregion zurückgezogen hatte, lag die «Brückenmatte» und mit ihr der ganze Talboden längere Zeit auf dem Grund eines grossen Gletschersees. Sein Wellengang rundete die Gesteins- und Schutthügel des Bergsturzes zu weich geformten Hügeln ab. Auf diese Weise entstand die bis heute charakteristische Tomalandschaft des unteren Pfynwalds.

Illgraben und Pfynwald um das Jahr 1900

(Bild: Rhonewerke AG, Chippis)


Wie der ganze obere Pfynwald und das heutige Dorf Susten war die «Brückenmatte» in jener Zeit sehr ausgeprägt den Launen des wilden Illbachs ausgesetzt. Der Wildbach entspringt im arachaischen Fanoischi, einem gewaltigen, zwischen Illhorn und Corwetsch eingetrieften Erosionstrichter, dessen Steilwände aus weichem Kalk- und Dolomitgestein bestehen. Seit Tausenden von Jahren stürzt und rieselt dieses Gesteinsmaterial bei Frost, Regen und Tauwetter fast ununterbrochen in die Tiefe, häuft sich auf und wird bei heftigen Regenfällen als dickflüssige gelbliche Schlammlawine durch den Illgraben ins Tal geschoben. Auf diese Weise hat der Illbach, bevor er im Illgraben sein Bachbeet fand, über Jahrtausende immer wieder die Ebene von Susten und den oberen Pfynwald überschwemmt. Wie gewaltig seine Kraft war und bis heute ist, belegt die Tatsache, dass der Illbach mit seinem Geschiebe im Laufe der Jahrtausende die wilde Rhone bis an die nördliche Grenze des Talgrundes zurückgedrängt hat. Kurz: Die Mehrgenerationensiedlung «Brückenmatte», das Dorf Susten und der ganze obere Pfynwald liegen auf diesem weitflächigen Illgraben-Schwemmfächer.

Die älteste Beschreibung des Illgrabens, in dem laut altem Volksglauben böse Geister und Dämonen hausten, findet sich in der «Schweizerchronik» des Johannes Stump, der auf seiner grossen Reise durch die Schweiz im Jahre 1544 den Pfynwald besuchte. Der Westschweizer Pfarrer Philipp Bridel bezeichnete den Illgraben 1810 als «Höllengraben» und 1921 erlebte der Thurgauer Hans Schmid mit, wie der Illgraben als «Lindwurm, der aus dem Illloch kommt.» Der Journalist und Reisebuchautor war beeindruckt: «Wer das gesehen, der begreift, wie das Volk an Drachen glauben konnte.»

Zurück zur Landschaftsgeschichte der Region Leuk-Susten: Sehr bald nach dem vollständigen Rückzug des Rhonegletschers um 13000 vor Christus war der ganze Walliser Talgrund von Föhren, Birken, Erlen, Wachholdersträuchen und Trauerweiden überwuchert. Eine vielfältige Tierwelt bevölkerte diesen Walliser Urwald, u.a. Braunbären, Wölfe, Hirsche, Luchs, Wildschweine und eine Fülle von Insekten, die sich vor allem in den Sumpfgebieten entlang der wilden Rhone, die immer wieder über die Ufer trat, ansiedelten. Die ersten menschlichen Siedlungsspuren der Region aus der Mittelsteinzeit - um 7000 vor Christus - fand man vor wenigen Jahren beim «Mörderstein», einem gewaltigen Felsblock im unteren Pfynwald, ca. drei Kilometer von der «Brückenmatte» entfernt.

In den folgenden 9000 Jahren wird sich die wilde Naturlandschaft zur Region Leuk-Susten entwickeln, wie wir sie heute kennen. Der Mensch wird sesshaft, Ackerbau betreiben und weite Landstriche des Primärwaldes roden. Das Römische Weltreich hinterlässt seine Spuren in der Region, Leuk steigt im Mittelalter zu einem mächtigen Ort im Wallis auf, die Verbindungsstrasse Paris-Mailand führt durch den Pfynwald und erst vor knapp hundert Jahren setzte die Industrialisierung im Wallis ein, wo im Jahr 1904 gerade mal elf Autos und sieben Lastwagen registriert waren.

Weite Teile des Leuker Talgrunds, auf dem die Mehrgenerationensiedlung «Brückenmatte» steht, gehören seit jeher der einst mächtigen Burgerschaft von Leuk. An der alten Landstrasse in Richtung Simplon und Unterwallis war der Leukergund im Mittelalter ein wichtiger Umschlagplatz für Waren. Die alte «Suste», wie in jener Zeit diese Gasthäuser mit Stallung genannt wurden, steht heute noch im Dorfkern von Susten. Von dieser «Suste» hat das heutige Dorf Susten, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur aus wenigen Häusern bestand und heute rund 2500 Einwohner hat, seinen Namen.

Ende des 13. Jahrhunderts wurde die «Brückenmatte» zu einem wichtigen Schauplatz der Walliser Geschichte: Zu dieser Zeit verbündete sich der Walliser Landadel mit Savoyen und der Stadt Bern gegen Walliser Bischof Bonifaz von Challant, der auf die Unterstützung der «einfachen» Walliser Bevölkerung zählen konnte. Auf der grossen Wiese, die von der «Brückenmatte» bis zur Kantonsstrasse reicht, kam es 1296 zur Entscheidungsschlacht zwischen den Parteien. Das Heer des Bischofs brachte dem Adel eine vernichtende Niederlage bei, was zur Folge hatte, dass die Walliser Landleute neben Adel und Bischof zur dritten politischen Kraft im Wallis aufstiegen. Der Berner Adel, so schildert 1826 das «Handbuch der Geschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft» habe bei den Wallisern eine solche Niederlage erlitten, dass die Wiese, in welcher ein grosser Teil des oberländischen Adels ohne Schonung erschlagen wurde, den Namen «Seufzer-Matte» erhielt. Diesen Namen trägt die unverbaute Wiese unterhalb der «Brückenmatte» bis zum heutigen Tag.

Blick auf den heutigen Standort, ca. 1905

(Bild: Rhonewerke AG, Chippis)

Die nachhaltigste Veränderung erlebte der Landstrich, auf dem die «Brückenmatte» steht, erst in den letzten hundert Jahren. Alte Karten und Fotografien dokumentieren, wie der ganze Talgrund von Leuk vor hundert Jahren sehr weitgehend noch eine unversehrte Heckenlandschaft war, deren Reste heute im Umkreis von Pletschen noch besichtigt werden können. Im Westen grenzte diese Heckenlandschaft an den Pfynwald. Hier, nur hundert Meter vom Standort der heutigen «Brückenmatte» entfernt, entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Weiler, dem die Einheimischen den Namen «Hexenplatz» gaben. Dieser Name dürfte auf die alte Richtstätte des Bezirkes Leuk zurückgehen, die sich laut historischen Quellen bis zum Einmarsch der Franzosen im Jahre 1798 in jenem Teil des Pfynwalds befand, in dem heute der «Hexenplatz» steht. Verbrecher, Räuber und Hexen – so berichtet die mündliche Überlieferung - seien in diesem Waldstück, dem «Galgenwald», hingerichtet worden.

Die Bewohner der «Brückenmatte» müssen sich heute nicht mehr vor dem Galgen im Pfynwald und blutigen Schlachten vor ihrer Haustür fürchten. Neben der kulturhistorisch interessanten Vergangenheit ist es heute vor allem das Wohnkonzept und die ruhige Wohnlage, die die moderne Mehrgenerationensiedlung auszeichnen. Mit dem geschützten Pfynwald hat die «Brückenmatte» ein überaus vielfältiges Naherholungsgebiet unmittelbar vor ihrer Haustüre.


Film zu Illhorn, Illgraben und Pfynwald: „Berge der Schweiz:

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